Vom ungesunden Loslassen und gesunden Festhalten

In so gut wie jedem Magazin lesen wir schon seit Jahren Artikel zu ein und demselben Thema: Wir müssen loslassen!
Ängste überwinden. Wohnung ausmisten. Job kündigen und mit dem Traumjob durchstarten. Das Leben befindet sich im ewigen Wandel. Man durchlebt gute Zeiten, schlechte Zeiten…pass dich dem Strom des Lebens an, halte nicht an materiellen Dingen fest, bla, bla, bla.
Hier findet ihr nun…einen weiteren Artikel über das Loslassen. Nein. Schlussendlich geht es um das Festhalten. Ein gesundes Festhalten. Denn genau das ist es, was wir letztendlich lernen müssen.

Vor dem Loslassen kommt das ungesunde Festhalten

Wir klammern uns an unseren stabilen Rahmen, unser Gerüst, das wir uns aufgebaut haben. Es besteht aus materiellen Dingen wie der Wohnung, dem Auto, dem selbstgemalten Ölbild von Oma an der Wand über dem Klavier. Weiterhin besteht es aus Hobbies, Familie und Freunden, und den alltäglichen Ritualen – jeden Abend um 20.00 Tagesschau schauen.
Diese Gerüste haben wir uns mehr oder weniger bewusst aufgebaut. Im Falle des unbewussten Konstruierens können wir also davon sprechen, dass die Gerüste eher uns aufgebaut haben. Gerade dann ist es möglich, dass Teile des Gerüsts uns nicht gut tun, Gift für unsere Seele sind. Die viel zu kleine und dunkle Wohnung, die schon seit Jahren vor sich hinplätschernde, lieblose Beziehung zum Partner, der zeitraubende und unbefriedigende Job.
Gerüste sind bequem. Sie halten uns fest, halten uns aufrecht. Aber sie lassen uns auch starr werden. Und Starrheit bedeutet Tod.
Meistens wissen wir nicht einmal, wie sehr sie uns stützen. Erst wenn wir freiwillig oder unter Zwang aus den Gerüsten ausbrechen merken wir, in welch luftleerem Raum wir uns eigentlich befinden.
Bewegung, Flexibilität, das ist das Leben.

Doch stopp!
Sich mit aalglatter Haut durchs Leben zu schlängeln, nur um nirgends hängen zu bleiben, dir ja keinen Fetzen aus deiner ach so schicken Jacke reißen zu lassen, keine Schramme am Bein zu riskieren – das bedeutet Loslassen nicht!
Maximale Flexibilität, sich alle Möglichkeiten offen zu halten, sei es in Partnerschaft, im Job, des gewählten Lebensortes – dieser Lebensstil scheint sehr in Mode gekommen zu sein. All die Gerüste lassen sich so leicht ablegen und austauschen wie der nach einem harten Arbeitstag abgestreifte Designeranzug nach einer warmen Dusche in T-Shirt und Jogginghose ausgetauscht wird.

Wir leben in einer Zeit, in der alles möglich erscheint. Jahre nach dem Hauptschulabschluss doch noch studieren, nach China auswandern, eine Weltreise machen.
Wir sind so flexibel wie nie zuvor. Doch wer ständig Wohnort, Arbeitsplatz und Partner wechselt, weist nicht nur ein hohes Maß an Flexibilität auf, sondern gleichzeitig evtl. auch ein hohes Maß an Angst. Denn diese Art der Flexibilität, des Loslassens wird dominiert von der Angst sich einzulassen – sei es auf einen Menschen, einen Zustand, einen Gegenstand.
Loslassen, schön und gut. Doch ganz ohne unsere Gerüste lässt es sich meist auch nur recht einsam dahinleben. Wie traurig ist das Leben, ohne sich wirklich auf einen Partner einlassen zu können, ohne seinen Freunden Themen anvertrauen zu können, die einen wirklich berühren, ohne das selbstgemalte Ölbild der Oma über dem Klavier an der Wand. Außerdem kostet diese Achterbahnflexibilität ein hohes Maß an Kraft. Gerüste sind wichtig, ja notwendig. Sie lassen dich durchatmen; in Sicherheit und Geborgenheit.
Sich einlassen können, jemanden oder etwas lieben zu können in dem Bewusstsein, ihn oder es jederzeit verlieren zu können – das haben die meisten unter uns immer noch nicht gelernt, auch wenn es von außen oft erst einmal den Anschein hat.

Was also ist das Rezept? Was sind die Zutaten?

Vertrauen. Und das können wir nur dann, wenn wir ein stabiles Gerüst in uns selbst haben. Nicht das von außen stützende Gerüst. Nur wenn wir wissen, dass wir uns selbst stützen können, in dem Wissen, all das, was wir lieben, jederzeit verlieren zu können, nur dann können wir vertrauen.
Nur dann, wenn wir niemandem zum Glücklichsein brauchen, wir Zeiten des Alleinseins genießen können wie die Zeit mit der besten Freundin, dann können wir gesunde Freundschaften, gesunde Beziehungen führen. Dies lernen wir leider oft erst dann, wenn wir Verlusterfahrungen machen und auf eigenen Beinen stehen lernen müssen, ohne das stützende Gerüst.

Nach dem Loslassen kommt das gesunde Festhalten.

Sobald wir vertrauen können, wird uns bewusst, dass beispielsweise ein Partner nicht dazu da ist, uns glücklich zu machen, sondern ein Individuum, das freie Entscheidungen über sein Leben treffen darf. Auch solche, die uns wehtun.
Nun sind wir an dem Punkt angelangt, festzuhalten. Denn Festhalten ist etwas Gutes – dann, wenn wir vorher gelernt haben, loszulassen.
Denn du hältst nun an deiner Partnerschaft aus einer anderen Intention fest als zuvor und die lautet: Liebe. Liebe zu dir selbst, Liebe zu deinem Partner. Nicht wie vorher: Angst vor dem Alleinsein, benutzen und benutzt werden.
An keinem Ort der Welt finden sich die perfekten Lebensbedingungen. Richte es dir bequem ein. Genieße die Vorteile, die dir deine Wahlheimat bietet.
Mit der Arbeit verhält es sich meist so: der Job ist erfüllend, der Verdienst gering, oder der Job ist Langweilig und du führst ein finanziell abgesichertes Leben. Was also ist deine Priorität? Finde Kompromisse! Und vor allem – hör auf zu meckern! Das Leben ist nicht dazu gedacht, perfekt zu sein. Das wird es nie sein, mir Sicherheit. Die Frage ist nur, von welcher Perspektive aus du dein Leben betrachtest.

Fazit:

Für diejenigen, die jetzt fragen, was genau das Problem sein soll: Gratulation! Du hast das Thema abgehakt.

Für diejenigen, die noch im Zwischenstadium stecken: Hör auf, dich durchs Leben zu schlängeln! Sei mutig, triff Entscheidungen! Das Loslassen kannst du doch schon!

Für diejenigen, die noch ungesund festhalten: Step by Step. Nimm kleine Veränderungen in deinem Leben vor und beobachte, wie du damit zurechtkommst. Fang ein neues Hobby an. Nach und nach kannst du herausfinden, welche Gerüste dir gut tun und welche nicht. Das Leben ist nicht starr. Es pulsiert. Und auch dein Leben wird sich eines Tages verändern. Ob du es willst, oder nicht. Die Frage ist nur, wie gut du darauf vorbereitet bist.

 

 

 

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7 Kommentare Gib deinen ab

  1. Ich danke vielmals für diesen schönen und nachdenklich stimmenden Beitrag 🙂 Cari saluti Martina

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    1. Anne Leohold sagt:

      Vielen Dank für die Rückmeldung 🙂

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  2. Ruhrköpfe sagt:

    „dass beispielsweise ein Partner nicht dazu da ist, uns glücklich zu machen“ – genau! So oft höre ich Singles, die sich genau das wünschen und immer wieder frustriert werden. Danke 🙂 LG Annette

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    1. Anne Leohold sagt:

      Glücklicherweise ist es nicht so. Sonst könnte man ja davon ausgehen, dass Singles im Allgemeinen unglücklicher sind.

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  3. Ruhrköpfe sagt:

    nein, so möchte ich auch nicht verstanden werden. Mich überrascht diese Erwartungshaltung an einen anderen Menschen, die bei vielen immer wieder zum Scheitern führt. Formulierungen, wie „Mein Partner soll dazu da sein, mich glücklich zu machen“ habe ich mehr als einmal gehört.

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  4. maribey sagt:

    Ich freue mich über die gelegte Spur. Ein Artikel, der gut zeigt, dass beides wichtig ist und seinen Raum hat, das Loslassen und Festhalten. Du zeigst die verschiedenen Sichtweisen und den Blick hinter dem Blick. Herzliche Grüße, Marion

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    1. Anne Leohold sagt:

      Danke für die nette Rückmeldung 🙂

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