Peter Richter – Gran Via. Ein Jahr in Madrid.

Peter Richter – Gran Via. Ein Jahr in Madrid. (Deutschland, 2009)

 

Ausnahmsweise mal ein deutscher Roman, da er von der Stadt handelt, in der ich 4 Monate gelebt habe. Erlebnisbericht über zwei Auslandsemester eines ehrgeizigen Studenten der Kunstgeschichte mit großen Forscherzielen, der mit dem wahren Leben in Madrid konfrontiert wird und sich letztendlich darin verliert (und dabei vermutlich mehr lernt als in seinem gesamten Studium).

Wen der Einblick in die Stadt Madrid und die spanische Kunstgeschichte interessiert, sollte dieses Buch lesen. Ein Kunststudent zieht in eine WG der „Calle Desengaño“ ein, zu deutsch „Straße der Enttäuschung“, womit hier das Aufheben der Täuschung gemeint ist, also das wahre und ungeschminkte Leben.
Zunächst muss der bereits in das Land Spanien verliebte Student sich vor seinen deutschen Kommilitonen rechtfertigen, die die spanische Kultur als verroht ansehen und ihr die italienische bzw. französische vorziehen. Später erfährt er diese „Vorurteile“ am eigenen Leib, was jedoch nicht negativ gemeint ist. Ein Reisebericht voller verrückter Begebenheiten und gekonnt beschriebener Charaktere. Auch wenn einiges übertrieben erscheinen mag, wird jeder, der einmal einige Zeit im Ausland verbracht und den Kulturschock erlebt hat, wissen, dass die Geschichte durchaus realistisch ist. Unterhaltsam und lustig geschrieben, gespickt mit den immer wiederkehrenden, interessanten Kommentaren von Meier-Graefe (1867-1935, Kunsthistoriker und Schriftsteller) aus seinem Buch „Spanische Reise“. Gegen Ende des Buches wirkt der Handlungsstrang allerdings etwas holprig und erzwungen.

Hier Richters Beschreibung eines spanischen Millionärsehepaars:

„Carlos Sanz war vielleicht Ende Fünfzig und nicht ganz so übergewichtig, wie der Beruf des Baulöwen befürchten lassen musste. Und das hätte ihm seine Gattin vermutlich auch nicht durchgehen lassen. Diese nun, ausgestattet mit dem Namen Almudena Abascal y Bordiú, hatte sich in dem Alter, von dem Catherine Deneuve einmal behauptet hat, dass Frauen sich nun darüber klarwerden müssten, ob ihnen für die Zukunft der Hintern wichtiger ist oder das Gesicht, irgendwie gegen beides entschieden. Almudena Ascabal war eine Seele, die ihren Körper am liebsten verlassen hätte, und entsprach damit in ihrer konvexen Erscheinung spiegelbildlich der robusten Präsenz ihres Gatten. Ihr kreideblaues Chanel-Kostüm hing auf einem Gestell, das aus Willenskraft und Askese geformt war; und der karamelisierte Zuckerwattehaufen, den ihr Frisör zu verantworten hatte, bedeckte das Gesicht einer wachsamen Eule. Ich merkte, wie Martin bei diesem Anblick erschauerte; ich hingegen konnte mich gar nicht satt sehen daran.“

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