Von den Schwierigkeiten des Alleinreisens

Wer werde ich sein? In einem fremden Land, in dessen Sprache ich mich nur mit Mühe verständigen kann? Ohne Beruf, ohne soziales Netzwerk, ohne monatliches Geld auf mein Konto zu bekommen, … ? Was macht meine Identität aus?

Reisen erfordert Mut. Allein reisen erfordert noch mehr Mut. Allein reisen und während eines Jahres gar nichts zu haben und gleichzeitig machen zu können was man will, grenzt für mich schon an Verrücktheit. Im letzten Jahr war ich so mutig, wie ich es im Leben wahrscheinlich nie wieder sein werde. Ich habe alles allein gemacht, was man so allein machen kann. Und ich habe alles geschafft. Ich habe verrückte Dinge, ja, gefährliche Dinge, allein gemacht und geschafft. Und ja, ich hatte Angst!

Viele Menschen, besonders heutzutage, gehen während des Studiums oder für die Arbeit ins Ausland. Kaum einer spricht über den Mut, den dies erfordert, die Angst, die es in einem auslösen kann, das Gewohnte zurückzulassen.
Jeder Mensch ist anders gestrickt. Ich habe Männer kennen gelernt, die sich auf Reisen sicherer fühlen als zu Hause. Teilweise kann ich es nachvollziehen. Man kennt niemanden, muss sich nicht mit tiefergehenden zwischenmenschlichen Problemen auseinandersetzen, der Reiz des Neuen, Unbekannten puscht dich immerzu und gibt dir Glücksgefühle. Die Angst vor der reizarmen Umgebung, sich zufriedengeben zu müssen mit dem, was man hat.

Es gibt aber auch Menschen, sehr viele sogar, die Routine und ihr festes Umfeld brauchen. Dies kann das Leben sehr einschränken. Wer sich nie zur Tür hinauswagt, wird das natürlich nie erfahren, doch wer es einmal getan hat, wird vermutlich nicht mehr in sein altes Leben zurückkehren.

Alles aufzugeben, die Sicherheit der gewohnten Umgebung, der gewohnten Sprache, der „luxuriösen“ Wohnung inklusive Haustier, das stresst. Ohne die alltäglichen Routinen zu sein wie Arbeit und Hausputz, Dienstags immer zum Schach, Donnerstags mit Freunden Badminton spielen – das zieht den Boden unter den Füßen weg. Routinen geben unglaublich viel Halt. Und geben dir die Chance, dein ganzes Leben darüber in Unkenntnis zu bleiben, wer du eigentlich bist.

Es ist wesentlich einfacher, ein Leben mit 40 Stunden Arbeitswoche zu führen, als auf einmal alles machen zu können, was man will. Plötzlich wird klar, dass das gar nicht so einfach ist. Will ich mich wirklich der Ölmalerei widmen? Warum will ich das? Welchen Sinn macht das? Warum klappt es nicht, wenn ich es doch eigentlich will? Was hindert mich daran? All diese Fragen muss man sich in seiner altbewährten Routine nicht stellen. Das ist einfach. Und schade. Denn irgendwann bereut man.

Keine Routine zu haben, erfordert Kraft. Alles, was ich im Leben haben möchte, muss ich mir erkämpfen. Täglich auf unbekannte Menschen zugehen, eine andere Sprache sprechen, sich Aktivitäten suchen.
Nicht verstanden zu werden und trotzdem weitermachen.
Menschen kennenlernen, die einem nicht guttun und trotzdem weitermachen.
Festzustellen, dass man als alleinreisende Frau von vielen Männern nicht ernstgenommen und als leichte Beute angesehen wird und trotzdem weitermachen.
Sich einsam fühlen und trotzdem weitermachen.

Routine ist wichtig. Auch im Ausland. Sich alles selbst zu erkämpfen, muss nicht sein.
– Ein paar Stunden des Alltags sollten von Routine, wie zum Beispiel einem Sprachkurs, gefüllt sein.
– Die eigene Sprache zu sprechen, gibt unglaublich viel Sicherheit und Vertrauen. Beispielsweise bei einem Stammtisch.
– Am Zielort bereits Kontakte zu haben, sei es durchs Internet oder durch Freunde, die wiederum jemanden kennen, ist hilfreich und lässt dich nicht ganz allein dastehen.
– Sich nicht zu viel zuzumuten, ist manchmal gar nicht dumm. Zuzugeben, dass man einer Sache grad nicht gewachsen ist und es dann zu lassen oder auf später zu verschieben.
– Führe dein Hobby fort und triff dich mit Gleichgesinnten. Wenn schon nicht die Sprache verbindet, dann zumindest etwas, das ihr gemeinsam tut.

Reisen erweitert den Horizont, gibt Einblicke in andere Lebensweisen und Kulturen. Es lehrt dich, andere Perspektiven einzunehmen, Menschen und ihre Verhaltensweisen zu verstehen. Ob Pegida-Anhänger wohl viel herumgekommen sind in ihrem Leben? Ich vermute, nein!

Will ich mir meine Meinung durch die Klatschpresse verschaffen oder mir mein eigenes Bild machen? Will ich gelebt werden oder mein Leben selbst aktiv gestalten? Letzteres kostet viel Kraft. Aber es lohnt sich.

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