Ein Stück Heimatgefühl, bitte!

Der sympathisch aussehende Mann saust in der Altstadt mit seinem Fahrrad an mir vorbei. Brille auf der Nase, vielleicht so Mitte 40.

– Hola! Cómo estás? Qué tal todo?

Ich grüße freundlich zurück und überlege angestrengt, wem ich dieses mir wohlbekannte Gesicht zuordnen kann. Er ist Mallorquiner, das ist sicher. Also kann ich ihn nicht vom Intercambio de Idiomas im Lemon Tree kennen. Dort treiben sich nur Ausländer herum und im Übrigen sind sie fast alle jünger. Das Intercambio am Sonntag vielleicht? Vom Alter her passend, aber Mallorquiner lassen sich dort auch kaum blicken. Deutsch- Spanisch Stammtisch? Könnte sein. Ach, jetzt fällt es mir ein! Es ist der Besitzer eines kleinen, alteingesessenen Cafés, direkt neben meiner Sprachschule. Ich ließ mich dort öfter in den Lernpausen blicken um mir eines seiner köstlichen Bocadillos con Boccerones, Chorizo oder Serrano zu besorgen. Überhaupt schmeckt bei ihm alles unglaublich gut! Auch die Kuchenspezialitäten und der Cappuccino mit seinem luftig- cremigen Schaum. In dieses Café verirren sich tatsächlich nur wenige Touristen, aber der gute Herr hat immer alle Hände voll zu tun, um all seinen Kunden gerecht zu werden. Meist wird mallorquin gesprochen.

Sein Gruß zaubert mir ein Lächeln auf die Lippen. Mit diesem ausgerüstet setze ich meinen Heimweg fort. Was für ein gutes Gefühl, von einem Cafébesitzer erkannt zu werden! Nun war ich auch schon länger nicht mehr dort. Das muss ich ab morgen sofort ändern. Gerade war ich mit meiner Mitbewohnerin inklusive Nachwuchs in einem anderen Café, dem C’an Joan, ältestes Café Mallorcas. Einer der Kellner ist Vater eines gerade erst sechs Monate alten Babys, genau das Alter meines WG Babys, zwei Wochen früher geboren. Ob er mich auch erkennt, wenn wir uns auf der Straße begegnen?

Ich habe richtig Lust, mallorquin zu lernen. Dann gehört man hier dazu. Aber tranquilo! Erstmal richtig gut Spanisch sprechen. Sich zu verständigen ist leicht, doch mit all seinen grammatikalischen Tücken wie beispielsweise dem Subjuntivo, das in der deutschen Sprache nicht existiert, gar nicht so einfach.

Heute habe ich das nette Café wieder besucht. Wir unterhielten uns über Träume. Er hat sich seinen- nein, auch meinen, und den so vieler anderer Menschen erfüllt. Er ist stolzer Besitzer eines kleinen Hauses direkt am Meer, am Strand von Es Trenc, dem schönsten Strand Mallorcas. Es ist fast fertig renoviert. Nur fehlt ihm die Zeit, es zu nutzen. Zu viel Arbeit. Ein globales Problem. Entweder du hast Geld und keine Zeit, oder Zeit und kein Geld.

Heute gabs den Cappuccino aufs Haus und ich wurde das erste Mal reina, Königin, genannt. Ich bin ein wenig stolz, denn diese Ehre gebührt Touristinnen sonst nicht. Letztes Mal schenkte er mir ein kleines Stück Kuchen zu meinem Heißgetränk. Nein, viel besser! Er schenkte mir ein kleines Stück Heimatgefühl. Und bei so viel Menschlichkeit erscheint Geld doch auch gar nicht mehr so wichtig.

 

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